Zwischen Kritik und Kommerz oder das Fähnchen im Winde: CARMEN von Stromae

Es scheint auf den ersten Blick eins dieser Videos zu sein, die gesellschaftliche Misstände oder Verfehlungen thematisieren: CARMEN von Stromae. Die Warnung vor einer “Tweetpocalypse“. Das neue Video des belgischen Musikers Paul van Haver wirft schon grundsätzlich Fragen auf. Aber wenn man sich mit dem Vermarktungskonzept auseinandersetzt, landet man in einem zweischneidigen Diskurs von Social Media, der das Ganze nicht mehr so einfach macht.

Kein Wink, sondern ein Schlag mit dem Zaunpfahl: Hier geht’s um Hashtags und Follower

In Stromae’s Video entdeckt der junge Paul über sein Smartphone Twitter und verfällt dem Microblogging. Seine Sucht wird als zunächst kleiner, blauer Vogel dargestellt, der gefräßig und mit Anspruch auf vollständige Aufmerksamkeit über sein Opfer wacht, bis er sich schließlich Paul bemächtigt und ihn dem blauen Riesenvogel in den Rachen wirft. Die wunderbaren Zeichnungen stammen von Sylvain Chomet, dem Regisseur von The Illusionist (2010).

Die Melodie des Liedes ist übrigens aus Georges Bizets Oper Carmen übernommen.

Es handelt sich dabei um die Arie “Habanera“.

Hier ein kleiner Textauzug (Quelle):

“Die Liebe ist ein wilder Vogel den kein Mensch jemals zähmen kann, ganz umsonst wirst du ihn rufen, er löst sich stets aus deinem Bann. Kein Schmeicheln hilft und keine Wut, der Eine spricht, der Andere schweigt: es ist der Andere den ich bevorzuge, er sagte nichts, doch gefällt er mir. Liebe! Liebe! Liebe! Liebe!”

Soweit so gut.

Die Warnung vor der Tweetpocalypse.

Man könnte das Video also als Kritik an den sozialen Medien begreifen. Lebt mehr in der Realität. Follower ist nicht gleich Freund. Soziale Medien verändern unsere Wahrnehmung und zerstören unsere gesellschaftlichen Skills.

Außerdem stellt Stromae eine Parallele zur Carmen-Arie her: er vergleicht die in der Habanera thematisierte unglückliche, zwischenmenschliche Liebe mit dem Networking. Eigentlich wär’s ja dasselbe: erst treffen, befreunden, dann sitzt man am Ende doch alleine da.

Ernstgemeinte Kritik oder genialer Schachzug?

Kommen wir nun zur Vermarktung des Ganzen. Vorneweg: Stromae ist in Europa bekannt, aber in den USA nicht wirklich.

Noch bevor das Video Premiere feierte, tauchte der gezeichnete Doppelgänger des Musikers bei Instagramm auf. Künstlerisch sehr schön gemacht, triefend vor Ironie, jedes Social Media Klischee (Selfie, Food Porn) bedienend. Passt ja auf den ersten Blick ganz gut zur Twitter-Kritik.

Aber wo erschien das Video als Erstes? Auf BuzzFeed. Einer Musikplattform, deren User zu 60% aus den USA stammen. Und damit auch auf Facebook.

Und tritt damit seinen Erfolgszug durch die Social Media Welt an. Denn schließlich geht’s um ein hochaktuelles, brisantes Thema. Inzwischen wurde der Beitrag 10.558.114 mal aufgerufen und 264.232 mal geteilt. Das Video ist auf diversen Plattformen zu bestaunen. Und wie jeder weiß, “Bad Publicity is better than no publicity“.

Meiner Meinung nach, sieht das alles arg kalkuliert und durchgeplant aus und zwar mit dem Ziel: wir erobern Amerika!

Aus Marketing-Sicht super gemacht. Mir persönlich geht da aber die Authentizität flöten. Ist ja nicht so, als hätte Stromae selber keinen Twitter-Account.

Was denkt ihr darüber? Müsste man nicht, wenn man einen solch kritischen Standpunkt vertritt, den Anspruch haben auch danach zu handeln? Und damit in diesem konkreten Fall virales Marketing dieser Art eher meiden? Bin gespannt auf eure Sichtweise.

Hier könnt ihr auch noch andere Darstellungen von der Geschichte lesen

Netzfeuilleton – nprMusic – BuzzFeed

Sincerely yours, HannahKaline